Matthias Dennig/ Juli 30, 2018/ Uncategorized

Terrorismusfinanzierung durch Schreibfehler? – angewandte Sprachwissenschaft in der Compliance

Als die EU Anfang 2011 Sanktionen gegen das lybische Gaddafi-Regime beschloss, brachte das ungeahnte Probleme für die Compliance mit sich: Da es für die arabischen Namen keine eindeutige Schreibweise in lateinischer Schrift gibt, kursieren Dutzende von Varianten (z.B. Muammar Qaddafi, Muammar Al-Gaddafi, Elkaddafi)[1] und nur eine oder wenige davon finden sich in den Sanktionslisten. Die Verantwortung, sicherzustellen, dass alle möglichen Schreibweisen überprüft werden, sehen die EU, die Bundesbank und auch das Bundeswirtschaftsministerium bei den Finanzinstituten.[2] Ein Beispiel, weshalb Compliance sich mit dem Thema Transliteration/Transkription auseinandersetzen muss.

Transliteration vs. Transkription

Bei der Transliteration handelt es sich um die 1:1 Übertragung der Buchstaben eines Alphabets in Buchstaben eines anderen Alphabets. Hat man beispielsweise ein Wort in griechischen, kyrillischen oder arabischen Buchsstaben und möchte es in lateinische Schriftzeichen übertragen, sucht man für jeden Buchsstaben in der Ausgangsschrift genau eine Entsprechung. Dadurch ist der Prozess umkehrbar. Hat die Ausgangsschrift mehr Schriftzeichen als die Zielschrift, so werden oft diakritische Zeichen zu Hilfe genommen. Die Transliteration ist zielsprachenneutral, das heißt, die Schreibung ist noch nicht auf eine bestimmte Zielsprache angepasst und es lässt sich noch keine richtige Aussprache aus dem Schriftbild ableiten.

Die Transkription wird für die jeweilige Zielsprache eine Schreibweise gesucht, die es erlaubt, das Wort korrekt auszusprechen. So kann also ein Wort auf Deutsch und Englisch aufgrund der unterschiedlichen Ausspracheregeln unterschiedlich geschrieben werden, obwohl sich beide des lateinischen Alphabetes bedienen. Aus der Schreibweise des Wortes lässt sich dann nicht mehr eindeutig auf die Schreibweise in der ursprünglichen Schrift zurückschließen. Da sich bei der Transkription nicht jeder an vorgeschriebene Regeln (z.B. DIN Normen) hält, entstehen zusätzliche Varianten, dadurch kann es von ein und demselben Namen Dutzende von Schreibweisen geben.

Bsp.:
قطر (arabisches Original)
qṭr (reine Transliteration)
Qatar (engl. Transkription) [3]

Mit Transliteration und Transkription gegen Terrorismusfinanzierung, Geldwäsche und Embargoverstöße

Findet man keine Lösung, um die verschiedenen Schreibweisen zu identifizieren, läuft man Gefahr, Betrügern aufzusitzen. Ob die Anforderungen an die Compliance erfüllt sind oder nicht, kann dann von einem einzelnen Buchstaben abhängen.

Dabei müssen nicht nur Eigen- und Firmennamen, sondern auch die Rechtsform eines Unternehmens (z.B. Stiftung) oder Namenszusätze (z.B. Commerce & Industry) und andere Informationen, die in Sanktions- und PEP-Listen stehen und notwendig für die eindeutige Identifikation des Kunden sind, überprüft werden.

Bereits innerhalb der EU gibt es Bedarf für Transliteration und Transkription, z.B.

  • Innerhalb Deutschlands durch Umlaute und Sonderzeichen
  • Wenn ein Kunde aus einem Land mit einer anderen Schrift kommt, z.B. kyrillisch, arabisch, chinesisch

Besonders wichtig ist der Abgleich bei der Überprüfung eines Neukunden (Customer Onboarding CDD, KYC), er muss aber auch Teil der laufenden Überwachung (Ongoing CDD, eingeschränkt im Payment Screening[4]) sein, da jederzeit neue Personen, Firmen oder Banken auf der Sanktions- oder PEP-Liste landen können.

Mit der Umschrift alleine ist es allerdings nicht getan. Es müssen Algorithmen entwickelt werden, die eine Ähnlichkeitssuche möglich machen, d.h. ausgehend von einer englischen Transkription alle möglichen Varianten eines Namens auffinden.

Wie geht man vor?

PEP und Sanktionslisten liegen meistens auf Englisch vor und enthalten eine oder auch mehrere Schreibweisen, aber nicht alle. Transliteration und Transkription erfolgen in mehreren Richtungen:

  1. Für die einzelnen Neukunden, Lieferanten etc. werden alle Varianten gesucht
  2. Manche offiziellen Sanktionslisten enthalten Namen auch in Original-Schrift, auch diese werden transliteriert und alle Varianten dargestellt
  3. gibt es noch individuelle Listen, die in Originalschrift vorliegen und transliteriert werden müssen
  4. Die aus allen diesen Vorgängen resultierenden Varianten werden mit Hilfe von Algorithmen zur Ähnlichkeitssuche gegeneinander abgeglichen.
Transliteration und Transkription: Ein integraler Bestandteil für Compliance

Die Funktionalität der Transliteration und Transkription, sowie der Ähnlichkeitssuche müssen also fest und automatisiert in ein umfassendes Compliance-System integriert sein. Nicht nur bei der Aufnahme eines Neukunden, auch bei der laufenden Überwachung ist es eine Herausforderung, alle möglichen Schreibweisen eines Eigennamens, Firmennamens oder auch der Rechtsform eines Unternehmens zu finden und durch eine Ähnlichkeitssuche gegeneinander und gegen Sanktionslisten abgleichen. Damit wird verhindert, dass eine alternative Schreibweise zu einem Schlupfloch für Betrug, Geldwäsche oder Terrorismusfinanzierung wird.


Quellen:

Matthias Dennig

Über Matthias Dennig

Seit dem 1. Juli 2016 hat Matthias Dennig die Presales Verantwortung für das Produkt SMARAGD aces360 übernommen. Sein Aufgabengebiet umfasst die Beratung der Interessenten und Unterstützung bei der Neueinführung des SAP BIS basierten Produkts SMARAGD aces360. Seit mehr als 15 Jahren ist er in diversen Großprojekten im In- und Ausland als Projektmanager im Compliance Umfeld für die targens GmbH tätig.