Tobias Bumm/ Oktober 20, 2020/ Uncategorized

Die größte Kapitalmarktveränderung seit Einführung der europäischen Währung steht bevor: Zinssatz-Referenzwerte wie London Interbank Offered Rate (LIBOR), Euro Interbank Offered Rate (EURIBOR), Euro Overnight Index Average (EONIA) und weitere Interbank Offered Rates (IBOR) werden reformiert.

Was sind IBORs?

Seit mehr als 40 Jahren legen IBORs den Referenzzinssatz für eine breite Palette von Finanzprodukten wie Derivaten, Anleihen, Darlehen, strukturierten Produkten und Hypotheken fest, um Zinssätze und Zahlungsverpflichtungen festzulegen. IBORs spiegeln als Benchmark den Durchschnittskurs wider, zu dem ausgewählte internationale Banken mit guter Bonität unbesichert Kredite auf dem Interbankenmarkt erhalten können. Die Berechnung und Publikation des LIBORs erfolgt bisher durch die ICE Benchmark Administration (IBA) und des EURIBORs durch die European Money Markets Institute (EMMI), die täglich Eingabedaten ausgewählter Panelbanken aufnehmen und für verschiedene Laufzeiten veröffentlichen.

Die Funktion als Referenzgroesse ist äußerst relevant, da IBORs einen direkten Einfluss auf die Wertentwicklung von Finanzinstrumenten haben. Darüber hinaus haben die Referenzzinssätze aufgrund ihres hohen Marktvolumens eine besondere Bedeutung für die Wirtschafts- und Geldpolitik. Insgesamt summiert sich das Marktvolumen der Finanzprodukten auf Hunderte von Milliarden Euro und weitere Milliarden in Währungen wie US-Dollar, Britisches Pfund und Japanischer Yen.

Warum werden IBORs reformiert?

Eine Reihe von Skandalen hat die IBOR-Benchmarks zum Fall gebracht. Im Jahr 2012 wurde einer Gruppe von Banken vorgeworfen, ihre IBOR-Anträge während der Finanzkrise manipuliert zu haben. Darüber hinaus hat sich die Markt- und Handelsliquidität auf den Interbankenmärkten seit der Finanzkrise verringert, da die Transaktionen erheblich kleiner geworden sind. Dementsprechend haben Regulierungsbehörden und Arbeitsgruppen auf der ganzen Welt Alternativen diskutiert. Das Financial Stability Board (FSB) empfahl 2014, nahezu risikofreie Referenzzinssätze (risk free rates, RFRs) zu verwenden, die die Liquiditätsveränderung auf dem Markt mitberücksichtigt. Wichtige Benchmarks wie LIBOR, EURIBOR und EONIE müssen nun bis zum 31. Dezember 2021 vollständig durch neue risikofreie Zinssätze ersetzt werden.

Was sind risikofreie Referenzzinssätze (RFRs)?

Im Gegensatz zu IBORs, bei denen es sich um Terminraten (forward looking rates) handelt, sind RFRs vergangenheitsorientierte Sätze (backward looking rates), bei denen die Zinsberechnung rückblickend erfolgt. Darüber hinaus sind die IBORs mit einem Kreditrisiko behaftet und enthalten daher einen Kreditrisikobonus. RFRs sind reine Tageszinssätze sind, die fast völlig risikofrei sind. Da die rein transaktionsbasierte Berechnung der IBORs in der Vergangenheit stark kritisiert wurde, wird die zukünftige Berechnung der Referenzzinssätze durch ein dreistufiges Wasserfallmodell durchgeführt. Dieser Prozess, der aus transaktionsbasierter Erkennung, transaktionsnaher Ableitung und Fachwissen besteht, soll Manipulationen eliminieren und eine tägliche Veröffentlichung mit wenigen oder keinen Transaktionen ermöglichen.

Die Reform wird nicht einfach

Die RFRs unterscheiden sich in Höhe und Volatilität deutlich von den vorherigen IBOR-Zinssätzen. Dementsprechend müssen Risikomanagementsysteme angepasst werden, um Absicherungs- und / oder Marktbewertungsprobleme zu verhindern. Während sich Unternehmen von IBORs wegbewegen, werden Billionen von Dollar an Schulden und Derivaten wahrscheinlich nach Ablauf der Frist 2021 weiterhin auf den Index verweisen. RFRs müssen in Übereinstimmung mit den gesetzlichen Anforderungen jedoch in alten und neuen Verträgen, die über 2021 hinausgehen, implementiert werden.

Dieser Übergang erfordert erhebliche Anstrengungen sowohl von Finanzdienstleistungsunternehmen als auch von Marktteilnehmern. Viele Herausforderungen werden erwartet, um die erforderlichen institutionellen Infrastrukturen (Handel, Daten-Clearing) neu zu ordnen und einen nahtlosen Übergang zu gewährleisten.

Quelle:

The IBOR Reform by targens