Tamara Tanaskovic/ Mai 13, 2019/ Uncategorized

virtuell  [vɪrtuˈɛl] “nicht in Wirklichkeit vorhanden, aber etwas echt erscheinendes” (Aus: Der Duden)

Während das Konzept der virtuellen Bankprodukte als brandneu erscheinen mag, sind virtuelle Konten tatsächlich schon um die 20 Jahre auf dem Markt. Neue Kundenanforderungen, strengere Regulationen und das Bestreben zu besserer Kosteneffizienz treiben eine neue Marktdynamik an, die das Konzept neu aufleben lässt. Im europäischen Kontext müssen dabei zwei Produkte unterschieden werden – virtuelle Bankkonten und virtuelle IBAN (International Bank Account Number).

Virtuelle IBAN sind ‘Pseudo’-Kontonummern, die Zahlungen direkt an eine reale IBAN weiterleiten, der ein physisches Konto zugrunde liegt. So können Unternehmen beispielsweise jedem Kunden oder jeder Rechnung eine virtuelle IBAN zuweisen. Aus Sicht des Kunden unterscheiden sich dabei virtuelle Nummern nicht von echten IBANs. Für das Unternehmen erleichtert dies allerdings den direkten Abgleich und reduziert somit Verwaltungskosten erheblich. Auch können Zahlungen mittels virtueller IBANs weltweit gesendet und empfangen werden. Dabei kann auf ein separates Fremdwährungskonto verzichtet werden, was einem Unternehmen nicht nur den Aufwand, sondern auch eine Vielzahl von Transaktionsgebühren und Kontoführungsgebühren einsparen kann. Zusätzlich entfallen Zusatzleistungen wie Versicherung, Kreditkarten und andere Dienstleistungen, die oft im Paket mit einem physischen Konto angeboten werden. Insbesondere ausländische Unternehmen profitieren von virtuellen IBAN, indem sie auf ein physisches Geschäftskonto in Europa verzichten können und dadurch den oft langen Onboarding-Prozess umgehen.

Somit können Unternehmen die Anzahl ihrer Bankkonten durch die Verwendung virtueller IBAN minimieren und ihr Kapital konzentrieren. Virtuelle IBANs sind daher ein wichtiger Schritt in Richtung Zentralisierung. Virtuelle Konten gehen jedoch noch einen Schritt weiter.

Virtuelle Konten sind mit “Unterkonten” eines physischen Bankkontos vergleichbar.

Unter dem Hauptkonto können Unternehmen beliebig viele virtuelle Konten eröffnen, sowie flexible Kontohierarchien anlegen. Während das Eröffnen, Schließen und Ändern physischer Konten bürokratisch und zeitintensiv ist, können virtuelle Konten über ein Self-Service-Portal jederzeit eingerichtet und verwaltet werden. Alle Transaktionen finden dabei auf dem Hauptkonto statt, es werden also keine virtuellen IBANs benötigt. Das Kapital ist dabei zentralisiert auf einem Konto, während einzelne Verfahren, Abrechnungen sowie Geldein- und -ausgänge separat auf jedem virtuellen Konto und auf jeder Hierarchieebene betrachtet und verwaltet werden können. Virtuelle Konten geben somit jederzeit Zugriff auf das komplette Vermögen in Echtzeit.

Dabei können Unternehmen virtuelle Konten nicht nur für verschiedene interne Abteilungen anlegen, sondern auch für Entitäten, die beispielsweise kein Kunde der Bank sind. Fraglich ist, ob eine Due-Diligence-Prüfung für Kunden auf Ebene der auf dem virtuellen Konto gehaltenen Entität erforderlich ist. Darüber hinaus sind Banken, gemäß der FATF Empfehlungen, verpflichtet die Risiken zu bewerten und zu mindern, die sich aus der Verwendung neuer Technologien für neue und bereits bestehende Produkte ergeben (s. Empfehlung 15 FATF 2012).

Die Entwicklung und Anwendung virtueller Bankprodukte kann Eigenständigkeit, Flexibilität und Effizienz maximieren, birgt aber auch neue Risiken für die Compliance. Sind virtuelle Bankprodukte das neue Power-Tool für Unternehmen oder nur ein weiterer Albtraum für Compliance?

Quellen: Accenture – virtual accounts and virtual account management

Foto: Barun Patro on Unsplash

Tamara Tanaskovic

Über Tamara Tanaskovic

Tamara Tanaskovic ist als Senior Consultant bei der targens GmbH tätig. Nach ihrem universitären Abschluss mit Schwerpunkt Strafrecht, folgten postgraduierten Studien in London im Bereich Kartellrecht, Bankenregulierung und Compliance. Aktuell ist sie als Projektleiterin innerhalb des Produkts SMARAGD MDS tätig. Sie verantwortet die Erstellung und Optimierung der Regelwerke in Abstimmung mit dem Fachbereich des Kunden. Darüber hinaus gehört die fachliche Prüfung und die Bestimmung der rechtlichen und regulatorischen Anforderungen an die SMARAGD Compliance Suite zu ihren Kernkompetenzen.